kurt spitaler

fil conducteur


Sucht man im bildhauerischen Schaffen von Kurt Spitaler den „fil conducteur“, den roten Faden, wird bei einer ersten Bestandsaufnahme deutlich: bei den Arbeiten handelt es sich maßgeblich um Composita. Auf die sprachliche Ebene umgelegt, könnte man bei den modularen Teilen von Morphemen sprechen, die als kleinste Einheit eine Bedeutung bzw. eine Funktion tragen. Zusammenhalt finden die Elemente oftmals durch Seile, die vernäht werden, aber auch durch Steckverbindungen in Kunststoff. Die Zusammensetzung der Komponenten ist nicht unbedingt heterogen. Der Künstler bleibt innerhalb der einzelnen Arbeit dem gewählten Material treu. Weil zusammenfindet, was zusammengehört? Im Fall des Kochtopfes, dessen Deckel angenäht ist, mag dies stimmen. Die Skurrilität zweier schwarzer Plastikeimer aus dem Baumarkt, die ihrer ursprünglichen Funktion entbunden und an einander genäht wurden, wird zur Deklination des Spiels vom Innen und Außen. In jenen Arbeiten, deren Stofflichkeit bewusst transparent gehalten ist, wird die Öffnung noch weitergeführt und die Grenzen der Durchlässigkeit verschoben. Die Hülle birgt jedoch keinen Kern: Sie ist per se das Objekt. Denn im Gegensatz zur Worthülse, die entsteht, wenn ein Begriff bis zur Sinnentleerung abgenutzt wird, entfaltet sich bei Kurt Spitalers Zugang so etwas wie Freiraum. 70 Tage hat der Künstler ein transparentes Tagebuch geführt, deren scheinbare Inhaltslosigkeit dem Betrachter eine ideale Projektionsfläche bietet.

Variation und Serie sind – ähnlich der Flexion im Sprachgebrauch – Teil des künstlerischen Prinzips. Die Reduktion auf wenige Farben, die sich aus dem verwendeten Material in seiner konsequenten Verwendung als Rohstoff ergibt, geht mitunter auf technische Voraussetzungen zurück. Die Kunststoffseile, die er zum Nähen verwendet – so erklärt der Bildhauer – sind in Schwarz extrem spröde und fallen daher zur weiteren Verwendung als Produkt aus. Am meisten hält dagegen die Ausführung in Rot aus, das als Seil aufgrund seiner Zusammensetzung nicht nur sehr elastisch ist, sondern als Farbe zugleich für  Vitalität steht. Der exakte Kolorit wechselt je nach Charge. Das Prinzip der additiven Verknüpfung, bei der jener Kontrastfaden, der die Komposition zusammenhält, die Partie eines Bedeutungsträgers übernimmt, wird über die Betonung der Kontur hinaus in manchen Arbeiten zur rein grafischen Struktur der Oberfläche weiterentwickelt. Die Regelmäßigkeit des Musters wird in wenigen Objekten bewusst gebrochen. Diese Divergenz ist jedoch deutlich schwieriger herzustellen und bedarf einer detaillierteren Planung als die klare Ordnung der Dinge.

Der Kontrast zwischen organischen Formen, die aus der Wahl des Werkstoffes Holzes hervorgehen, und technoiden Stoffen im Werk Kurt Spitalers ist auffällig und bedeutet zugleich die Überwindung der konkreten Substanz zugunsten von Idee und Form. Das Grundmotiv – die Coniunctio – setzt sich aus mehreren Strängen zusammen: „Wir hören von einer besonderen Einrichtung bei der englischen Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.“ (Johann Wolfgang von Goethe, Wahlverwandschaften)

2013 Theresia Hauenfels, Kunsthistoriker und Kuratorin